Interview für die Homepage www.frauenfinanzseite.de / Dienstag, 29.06.2004

"Manchmal wünsche ich mir einige Falten"

Die Wahl-Augsburgerin Stefanie Schlesinger fühlt sich mit 26 Jahren noch zu jung, um als Jazz-Sängerin schon vollkommen zu sein. Am Rande der Präsentation ihrer neusten CD "Angel Eyes" - erschien am 28. Juni - sprachen wir mit der Interpretin.


ffs:

In einer Pressemitteilung zu Ihrer neuen CD "Angel Eyes" sprechen Sie davon, dass Sie zu jung sind und sich auf das Älterwerden freuen. In Zeiten des Jugendwahns eine nicht übliche Sichtweise einer jungen Frau.
Schlesinger:
Ja, aber das habe ich auf den Jazz bezogen. Doch ich stehe nach wie vor zu dieser Aussage.

ffs:
Junge Jazz-Sängerinnen sind eigentlich nichts ungewöhnliches. Wieso fühlen Sie sich zu jung für den Jazz?
Schlesinger:
Um seine Individualität auszudrücken, was gerade im Jazz so ungeheuer wichtig ist, braucht es Erfahrung. Umso mehr Erfahrung man hat, umso mehr man gelebt hat, umso mehr kann man Gefühle ausdrücken.

ffs:
Die Kritik überschlägt sich schon jetzt, wenn es um die Ausdruckskraft Ihrer Stimme geht. Was soll da noch kommen?
Schlesinger:
Ich denke, da kann noch einiges kommen. Das hoffe ich jedenfalls und ich merke es auch. Ich merke bei jeder neuen CD, und ich habe ja schon einige gemacht, was da möglich ist. Ich freue mich darauf, was noch kommt. Das meine ich wirklich ernst.

ffs:
Bezieht sich das wirklich nur auf den Jazz, auf die Musik oder auf das Leben insgesamt?
Schlesinger:
Das bezieht sich grundsätzlich aufs Leben, wobei für mich Jazz das Leben bedeutet. Man kann Jazz, denke ich, nicht vom Leben trennen.

ffs:
Kann man vom Jazz leben?
Schlesinger:
Das tun viele.

ffs:
Viele machen neben dem Jazz etwas anders für den Broterwerb. Bei vielen Musikern erfährt man erst nach Jahren, dass sie in tiefster Seele Jazzer sind.
Schlesinger:
Ich halte das für schwierig. Wenn man sich nicht total auf den Jazz einlässt und sich nur darauf konzentriert, dann ist es auch nicht möglich. Ich glaube, dass man von Jazz leben kann, wenn man sich darauf konzentriert, wenn man eigene Dinge macht. So singe ich auf meiner neuen CD Kompositionen meines Mannes und auch ein eigenes Stück. Ich fange jetzt auch an, zu komponieren.

ffs:
Die Reifestufe ist also erreicht, um beim Eingangsthema zu bleiben?
Schlesinger:
Auch hier spielt die Erfahrung eine große Rolle. Man hat viel gehört und gesungen. Doch irgendwann will man sich nicht nur mit der Stimme einbringen. Man möchte auch vorgeben, was gesungen und gespielt wird.

ffs:
Ausflüge in andere Genres kommen für Stefanie Schlesinger nicht in betracht?
Schlesinger:
Ich habe ja meinen beruflichen Weg an der Oper begonnen. Mir war damals auch nichts anders als Oper bekannt. In meinem Elternhaus kam ich mit Jazz nie in Berührung. Deshalb war für mich Oper das höchste aller Gefühle. Während des Gesangsstudiums habe ich gemerkt, dass Oper eine Art des Lebens und der Musik ist, die mir nicht liegt. Ich finde die Musik nach wie vor wunderschön und gehe auch in die Oper. Aber es ist genau dieses Reproduzierende als Opernsängerin, was mir missfiel. Das ist, denke ich, einfach eine Typsache. Ich habe mich dann während des Studiums schon immer mehr in die Richtung Jazz orientiert. Ich möchte auch nicht zurück.

ffs:
Sie haben sich auf den Jazz fokussiert. Meinen Sie, dass solche Fokussierung auch in anderen Berufsfeldern als Karriereweg zu empfehlen ist?
Schlesinger:
Da muß ich nachdenken.

ffs:
Gemeint ist, einen einmal für sich gefundenen Weg zu beschreiten, auch wenn die Hürden manchmal recht hoch und die Karriere- und Verdienstchancen nicht so hoch sind, wie in vermeintlich leichteren Jobs.
Schlesinger:
Ich glaube, solange man sich treu bleibt, sollte man den für sich gefundenen Weg auch weiter gehen. Ich finde es nicht gut, wenn man dann Kompromisse eingeht, nur um einen leichteren Weg zu haben. Es ist aber andererseits auch extrem wichtig, dass man ganz viele verschiedene Dinge erlebt. Ich bin ganz dankbar dafür, dass ich diese Opern-Dinge erleben durfte, dass ich nicht nur engstirnig in eine Richtung marschiert bin. Es war ganz wichtig, dass ich mir vieles angeschaut habe, um auch den Weg zu finden, den ich wirklich gehen möchte.

ffs:
Aufhänger unseres Gesprächs war ja Ihre Aussage, dass Sie noch zu jung sind, um die angestrebte Interpretationstiefe zu erreichen. Wohin soll es künftig noch gehen, was sind Ihre Ziele?
Schlesinger:
Ich denke, dass ich meine Interpretationstiefe in dem Stadium, in dem ich bin, jeweils erreiche. Ich freue mich einfach darauf, was passieren wird. Ich sehe es nicht so, dass das, was ich momentan tue, noch unfertig ist. Ich glaube, dass Alter bringt mir dann die Vollkommenheit. Das sind einfach verschiedene Stadien und jedes Stadium ist für sich perfekt. Ich freue mich, dass es sich weiter entwickelt.

ffs:
Gibt es auch etwas, was Sie am Älterwerden stört?
Schlesinger:
Im Moment noch nichts, weil mich alle für jünger halten. Ich habe eine acht Jahre jüngere Schwester. Wenn ich mit der unterwegs bin, dann werden wir von Leuten, die wir nicht kennen, teilweise gleich alt geschätzt. Ich habe schon mal gesagt, ich will mal ein paar Falten haben, damit man mir endlich mal ansieht, dass ich nicht mehr so jung bin. Aber mal ernsthaft, ich weiß nicht, was mich am Alter stört. Vielleicht kann ich dazu in zehn Jahren mehr sagen.

ffs:
Sie sprachen schon an, dass Sie verheiratet sind. Kinder sind nicht geplant?
Schlesinger:
Ich habe einen dreizehnjährigen Stiefsohn. Mein Mann – nochmals zum Thema Alter – ist ja 20 Jahre älter als ich und hat schon Kinder aus früheren Beziehungen und einer davon ist bei uns. Ich habe schon Mutterpflichten.

ffs:
Das geht gut?
Schlesinger:
Ich sehe uns wie ein kleines Unternehmen. Jeder bringt seinen Teil ein. Das was gerade ansteht, wird gemacht. Wenn man Mann auf Tournee ist und ich mehr Hausfrau und Mutter bin, ist das auch in Ordnung. Dann kommen ja auch andere Zeiten. Das klingt jetzt so einfach, doch manchmal bin ich ganz stolz, was wir an logistischen Meisterleistungen vollbringen.